Mastodon – Ein Netzwerk hat seine Unschuld verloren

Wer hier einen Account anlegt, staunt nicht schlecht über die vergleichsweise angenehme Klientel sowie das Kommunikationsniveau. Eine Plattform, die die Trolle und Hetzer noch nicht für sich entdeckt haben? So schien es. Zumindest bis gestern.

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Shitstorms passieren täglich irgendwo in Social Media. Auch auf Twitter. Nicht wenige haben diesem Dienst daher den Rücken gekehrt und zu Mastodon gewechselt. Dort wird nicht getwittert oder gezwitschert, sondern getrötet. Das Logo ist kein Vogel, sondern ein – genau, Mastodon. Doch natürlich sind das nicht die entscheidenden Unterschiede. Zu den Vorzügen der jüngeren Microblogging-Plattform zählen unter anderem die dezentrale Struktur sowie die Tatsache, dass keine Firma dahinter steckt. „Das in Deutschland entstandene Mastodon macht fast alles richtig, was Twitter falsch macht. Hassposts lassen sich relativ leicht in den Griff bekommen. Es gibt kein Datensammeln, keine Werbung und keine manipulierten Timelines (….)“, heißt es diese Woche auf lead-digital. Auch Blogger thematisieren die Probleme mit Twitter und befürworten das jüngere Netzwerk. „Seit einigen Tagen kommt Mastodon richtig in Fahrt. Grund für Neu- und Wiederanmeldungen dürfte für viele der zunehmende Ärger mit Twitter sein. Nicht nur, dass man dort so offenbar gar nichts gegen vielfältigen Hass tut – seit gestern ist die API für Drittanbieter Apps so beschränkt, dass sie die Nutzung stark einschränkt“, bloggte Online-Marketer Sascha Aßbach vor knapp zwei Wochen. Seit wenigen Tagen stellen sich jedoch auch die ansonsten begeisterten Mastodon-Nutzer die Frage, wie das Netzwerk mit der Herausforderung Mensch und demensprechend mit Hass und Hetze künftig umgehen wird.

„Mastodon hat seine Unschuld verloren“, teilte mir gestern ein Fan der Plattform mit. Da das in meinen Ohren nach einem guten Titel für …. schon fast egal, wofür …. klang, fragte ich nach, was geschehen war. Es kommt selten vor, dass der Titel steht, bevor man die Story kennt. Manchmal muss man mutig sein und sich gegebenenfalls eine Geschichte anhören, die bei Weitem nicht das Versprechen des Titels erfüllt. In dem Fall ist es jedoch nicht so. Vermutlich. Da ich schon lange nicht mehr auf dieser Plattform aktiv bin, ließ ich mir einiges zeigen und von den Begebenheiten erzählen. Alles fing mit einem Schauspieler an.

Will Wheaton, der sich als Schauspieler (Raumschiff Enterprise) und Buchautor einen Namen gemacht hatte, wurde vor knapp zwei Wochen auf Mastodon aktiv. Warum auch nicht? Viele Prominente tummeln sich auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken, warum also nicht auch dort? Wer nun annimmt, Wheatons Fans seien vor Freude ausgeflippt und hätten mit ihrem Überschwang irgendwie für Probleme gesorgt, der irrt. Schneller als man hinschauen konnte, begann eine Hetze gegen Wheaton. Die Gründe sind nicht ganz klar, aber die Vorwürfe gegen ihn häuften sich derart, dass der Schauspieler die betreffenden Nutzer meldete. Das wiederum fachte das Feuer umso mehr an, sodass bei den Moderatoren des Netzwerks täglich etwa 60 Beschwerden über Wheaton eingingen. Die von den vielen Beschwerden sowohl seitens Wheaton als auch seitens seiner Gegner genervten Moderatoren, sperrten schließlich seinen Account. Das ist die Kurzfassung. Wheaton hat dem Ganzen einen Blogbeitrag gewidmet und schreibt enttäuscht über Twitter und Mastodon:

„I thought I’d find something different. I thought I’d find a smaller community that was more like Twitter was way back in 2008 or 2009. Cat pictures! Jokes! Links to interesting things that we found in the backwaters of the internet! Interaction with friends we just haven’t met, yet! What I found was … not that.“

Derweil beschäftigt dieser Verlauf auch Nutzer, die mit dem Schauspieler bis dato nichts zu tun hatten. Für sie steht nicht die Frage im Vordergrund, ob etwas an den Vorwürfen gegen Wheaton dran ist. Ihnen ist wichtig, wie eine Instanz (in dem Fall die Moderatoren) bei Streitigkeiten reagieren. Warum? Weil es hier scheinbar um die gezielte und böswillige Vernichtung des digitalen Ichs einer Person geht. Mastodon-Nutzern wollen derartige Eskalationen auf dieser Plattform nicht haben. Immerhin hatten sie beispielsweise Twitter genau aus solchen Gründen verlassen. Sie beschreiben es als „toxisches Verhalten“, das sich bereits in anderen sozialen Netzwerken ausgebreitet hat und nun auch auf Mastodon zu finden ist. Zum einen ist es die Feststellung, dass sich auch dort Trolle tummeln und zum anderen die Erkenntnis, dass sich die Moderatoren beeinflussen lassen und falsch reagieren. Es wurde quasi das Opfer einer Hetze bestraft. Die Mastodon-Zuständigen seien damit nicht besser als andere Netzwerke, trötete beispielsweise ein in Berlin lebender Amsterdamer. Auch andere Fragen kommen auf, die tiefer in die Logik des Netzwerks greifen. So hatte der dezentrale Charakter der Plattform dem Schauspieler nicht geholfen, denn auch Personen aus anderen Instanzen konnten ihn problemlos angreifen, ohne daran gehindert zu werden. Das ist ein Punkt, über den künftig nachgedacht werden sollte. Hätte die Plattform aufgrund ihrer dezentralen Struktur nicht im Grunde bessere Möglichkeiten, die Ausbreitung eines Shitstorms zu verhindern?

Wer mag, kann sich das folgende Video anschauen, um besser zu verstehen, wie Mastodon funktioniert.

Wie steht es jetzt um Mastodons Vorzüge? Das Netzwerk besteht, wie alle anderen Plattformen, aus Menschen und muss daher sowohl mit ihren hellen als auch dunklen Seiten umzugehen lernen. Es ist ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft, digital und analog.

Wheatons Enttäuschung von Social Media ist groß. I’m too old for this shit. What we used to call microblogging isn’t worth the headache for me. I’m gonna focus my time and my energy on the things that I love, that make me happy, that support my family.

Please do your best to be kind, and make an effort to make the world less terrible. Thanks for listening“, schreibt er.

Es bleibt zu beobachten wie Mastodon mit den typischen Herausforderungen von Social Media umgehen wird. Und überhaupt: Wie viel Hass verträgt das Netz?

 

Weitere Links:

Was ist das soziale Netzwerk Mastodon? Unterschied zu Facebook und Twitter

Mastodon und das Fediverse

Autor: alexandrakloeckner

Freie Autorin und Texterin. Eisbrecherin zwischen analoger und digitaler Welt. Weitere Infos auf: about.me/kloeckner.alexandra

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