Wird Koblenz die Chance am Florinsmarkt packen?

Die Zukunft unserer Stadt geht uns alle an. Koblenz ist nicht nur als Stadt an Rhein und Mosel bekannt, sondern auch wegen des wunderschönen Zusammenspiels aus Natur und Historie beliebt. Ein bedeutender Teil der historischen Altstadt steht aktuell zur Diskussion. Der Florinsmarkt an der Mosel. Viele Gerüchte ziehen wie Nebel übers Tal und wandern in alle Himmelsrichtungen. Wird die Universität Koblenz in die Altstadt ziehen? Oder wird sich Stifter Martin Görlitz dort ein ganz persönliches Denkmal setzen? Gar ein Schloss? 

“Eine Stadt sollte nicht nur aus Privatobjekten bestehen. Jeder hat das Recht auf Stadt.” (Martin Görlitz)

Am 22. Oktober lud Martin Görlitz zu einer bedeutenden Informationsveranstaltung ins Alte Kaufhaus ein. Das Aufgebot im Publikum war beeindruckend. Auch wir von Koblenz Digital waren vor Ort. Denn unsere Stadt liegt uns am Herzen. Als Bürgerinnen und Bürger möchten wir gut informiert sein über das, was hier geschieht.

Wie alles begann

2011 stellte die Stadt Koblenz das historische Ensemble am Florinsmarkt zum Verkauf. “Der Bürresheimer Hof und das Alte Kaufhaus hätten problemlos in falsche Hände geraten können”, wies Moderatorin Ulrike Nehrbaß (SWR) hin. Sofort hatte ich bestimmte Bilder im Kopf. Überteuerte Wohnung dürften Euch ein bekanntes Phänomen sein. Angeblich für Familien bestimmte Immobilien, die sich aber keine normale Familie leisten kann. Andere Möglichkeit: Shops diverser Handelsketten. Auch sie wären eine mögliche Folge gewesen. Alles, womit sich schnell Geld machen lässt. Das, was es bereits zuhauf in allen Städten gibt, so dass man diese kaum noch auseinanderhalten kann. Geschäfte als billige Kopien, ohne kulturellen Wert. 

Um das zu verhindern, griff Martin Görlitz zu. Der erfahrene Unternehmer und Stifter kaufte der Stadt die historischen Gebäude ab. So wie jeder erfolgreiche Unternehmer es macht: nicht planlos, sondern mit einer Vision. Nein, nicht um sich eine grandiose Penthousewohnung mit phänomenalem Blick auf die Mosel zu gönnen. Übrigens, im obersten Stock des Alten Kaufhauses wäre der perfekte Platz für so eine Wohnung. Traumhaft. Görlitz’ Steuerberater konnte es nicht fassen, als ihm der Unternehmer mitteilte, er wolle die Räume dort nicht für sich selbst nutzen. Weder für Eigenbedarf noch zum Vermieten.

“Bewahren” ist ein Wort, das Görlitz im Sinn hatte. Sein Anliegen war, das historische und kulturelle Erbe zu bewahren und neu zu beleben. Es in die heutige Zeit zu “übersetzen” und in das Leben aller Koblenzer Bürgerinnen und Bürger zu integrieren. Jedem die Möglichkeit an der Teilhabe zu geben. “Die Zugangsberechtigung für ein Einkaufszentrum haben wir als Käufer und Konsumenten, aber der Florinsmarkt soll für uns als Bürgerinnen und Bürger offenstehen, ein Ort der Begegnungen sein”, so der Initiator. Öffentliche Zugänglichkeit und Nutzung liegen ihm am Herzen. Warum diese Selbstlosigkeit? Vielleicht, weil der Unternehmer bereits viele Erfolge erlebt hat und nun auf diese Weise etwas Sichtbares und Nachhaltiges für die Allgemeinheit schaffen möchte. Dass ihm Zukunftsgestaltung und Nachhaltigkeit wichtig sind, hat er in der Zwischenzeit mit dem ISSO im Dreikönigenhaus (Link) gezeigt. Was für die Gebäude am Florinsmarkt angedacht ist, zeigt das folgende Video.

2013 wurde alles geplant und 2015 begannen die Sanierungsarbeiten am Florinsmarkt. Tausende von Fundstücken kamen bei den notwendigen Ausgrabungen zutage. Unter anderem eine Augustus-Münze aus der Zeit 29-27 v. Chr. (Alle Fundstücke werden in Vitrinen zu bestaunen sein.) Auch die angrenzende römische Stadtmauer und ein Kriegsbunker seien erwähnt, um die Bedeutung dieses Ortes zu unterstreichen. Die Sicherung der Gebäude, zu der beispielsweise eine Hochwasserwanne zählt, trugen dazu bei, dass Martin Görlitz inzwischen über 10 Millionen in das Projekt investiert hat. Komplett ohne öffentliche Gelder. In den Medien wurde es häufig so dargestellt, als handele es sich dabei um sein persönliches Projekt, mit dem er sich im Alleingang ein Denkmal setzen wolle. Im Interview für das Magazin LABEL 56 (Link) bekamen Leserinnen und Leser Ende 2018 die Möglichkeit, den Menschen hinter diesem Projekt kennenzulernen. Das positive Feedback zur Titelstory war groß. Dennoch scheinen viele noch nicht realisiert zu haben, dass ihre Unterstützung gefragt ist.

Heute

Das große Projekt kann unmöglich einer alleine stemmen. Zwar ist der Rohbau sowohl im Bürresheimer Hof als auch im Alten Kaufhaus fertiggestellt, doch nun herrscht Stillstand. Damit es weitergeht, werden Investitionen benötigt. Die Gesamtsumme wird auf etwa 23 Millionen geschätzt, einen großen Teil davon hat Görlitz bereits getragen.

“Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Das kulturelle Erbe wird bewahrt bleiben, denn alles, was an den Gebäuden bereits gemacht wurde, wird mindestens 100 Jahre halten. Doch nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll.” (Martin Görlitz)

Der Initiator wünscht sich einen Arbeitskreis, der sich gemeinsam mit ihm für die Zukunft am Florinsmarkt einsetzt. Investoren sind gefragt. Zwar kamen an dem Abend gute Anmerkungen aus dem Publikum. Professionelle Erläuterungen, wie man an welche öffentlichen Gelder kommen könnte. Doch eines ist klar: Das würde dauern. So lange mag niemand warten. Eine Kombination aus Investoren und öffentlichen Zuschüssen wäre wohl der beste Weg. Dass es sich zu investieren lohnt, erfuhren wir von Steuerberater Franz Fassbender. Denkmalgeschützte Immobilien bieten da gewisse Vorteile. In Anbetracht der Negativzinsen, die künftig vermutlich steigen werden, spricht so einiges für derartige Investitionen.

v.l.n.r.: Dr. Martin Bredenbeck, Oberbürgermeister David Langner, Ulrike Nehrbaß, Martin Görlitz, Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert, Franz Fassbender

Zukunft

Wie die Zukunft am Florinsmarkt aussehen könnte, trug Beatrix Sieben (ISSO) vor. Sie zeigte uns beeindruckende Beispiele für ähnliche Projekte, die sich bereits seit Jahren erfolgreich halten und erläuterte, dass in den historischen Gebäuden am Florinsmarkt eine Mischung daraus realisierbar wäre. Wer mag, kann sich die Vorbilder selbst anschauen:

  1. Wuppertal Institut (entwickelt Leitbilder, hat 220 Mitarbeiter). In Koblenz sind die Hochschulen sehr engagiert und für ihre Projekte international bekannt. Mit einem Institut wie dem in Wuppertal wären die Projekte der hiesigen Hochschulen sichtbarer. Ein “Reallabor”, also das Ausprobieren von Ideen, könnte ebenfalls nicht schaden.
  2. Unternehmen Mitte (in Basel) Das ist ein Gründungszentrum, dessen Unternehmer zugleich Gastgeber sind.
  3. Kloster Hornbach (Hotel; steht für Erhaltung durch Nutzung, da auch hier historische Bauten neu erlebbar gemacht wurden.)

Oberbürgermeister David Langner betonte, man wolle den Weg gemeinsam gehen und sich an Gesprächen beteiligen. Es sei wichtig Perspektiven zu schaffen und dafür zu sorgen, dass es weitergeht.

Von Prof. Dr. Liebert erfuhren wir, dass die Universität von der Nutzung der Räume am Florinsmarkt profitieren würde. Allerdings hat er die Sorge, dass es zu lange dauern wird, bis alles Notwendige bewilligt ist. “Die Idee, hier am Puls der Altstadt als Universität präsent zu sein, ist faszinierend. Zum einen würden sich die Studienbedingungen massiv verbessern, weil wir mehr Räumlichkeiten hätten. Zum anderen wünschen wir uns, dass die Bürgerinnen und Bürger an unserer wissenschaftlichen Arbeit Anteil haben und einfach in die ein oder andere Vorlesung kommen können. Sie sollen in den Forschungsprozess einbezogen werden.”

Welche Option würdet Ihr wählen?

Und nun? Martin Görlitz stellte an dem Abend klar, dass er kein Geld mehr investieren kann. Jedenfalls nicht alleine. Heimat war ein Stichwort, das Publikum und die Diskussionsrunde auf der Bühne einte. Bleibt zu hoffen, dass der Initiator und Stifter genug Menschen erreicht, die dazu bereit sind, sich ebenfalls für dieses Stück ihrer Heimat zu engagieren.

Martin Görlitz: “Energie habe ich noch ohne Ende, weil ich diese Gebäude liebe und Koblenz liebe.”

Links:

Autor: Alexandra Klöckner

alexandrakloeckner.de

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