#HRCKO: Das HRcamp Koblenz feierte seine Premiere

Koblenz hat ein neues Event! Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Welche Erwartungen hat das Personal? Was muss man tun, um Mitarbeiter langfristig zu halten und neue Fachkräfte hinzuzugewinnen? Zu diesen und weiteren Fragen rund um Human Resources kann man sich künftig auf dem HRcamp Koblenz austauschen. Gestern fand die Premiere statt.

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Personaler haben kein gutes Image. Deshalb spricht man nicht mehr von der Personalabteilung, sondern von der HR-Abteilung: Human Resources. Das klingt gehoben, hat den Geschmack von Verantwortung und Ansehen. Wie sieht jedoch die Realität aus? Genießen Personaler tatsächlich Wertschätzung? Wie verhalten sich HR-Fachkräfte unter sich, wie ticken sie und mit welchen Herausforderungen haben sie in ihrem Job zu tun? Wir wissen es, denn wir haben das erste HR-Barcamp der Region besucht. Veranstaltet wurde das Event von der IHK Akademie Koblenz. Die Idee, so ein Fach-Barcamp zu organisieren, entstand übrigens auf dem diesjährigen Barcamp Koblenz. Hut ab für die schnelle Umsetzung!

Am besten lassen wir die Teilnehmer selbst sprechen und nehmen Euch hierfür auf eine kleine Reise durch die Tweets zur Veranstaltung mit. Sabine Dyas, Geschäftsführerin der IHK Akademie Koblenz, begrüßte uns alle, und Stefan Evertz moderierte die Veranstaltung. Zu den Hosts des Events gehörte auch seine Frau Katja Evertz.

Die Vorstellungsrunde zeigte, wie viele Teilnehmer*innen aus durchaus unterschiedlichen Bereichen kamen. Obwohl die meisten Anwesenden zum ersten Mal an einem Barcamp teilnahmen, das Format folglich noch nicht recht kannten, hatten sie gekonnt jeweils drei Hashtags vorbereitet und dabei Humor gezeigt. Nach der Vorstellungsrunde und Sessionplanung, begann der erste Sessionblock. Es fanden jeweils drei Sessions parallel statt.

Während beispielsweise Gerrit über das spannende Thema „Employee Advocacy“ sprach und erklärte, wie man eigene Mitarbeiter für Social Media gewinnt, saß ich in der Session „HR ist wie Aquise“ und diskutierte mit allen Teilnehmenden unter anderem über die aktuellen Herausforderungen im Bereich Recruiting. Wer ein negatives Bild von Personalern hat, hätte in dieser Session sitzen müssen, denn eines wurde deutlich: Die Anwesenden machen sich tagtäglich eine Menge Gedanken um das Wohl der Angestellten.

Personalgewinnung scheint insbesondere im ländlichen Raum ein großes Problem darzustellen.

Und wo findet man ITler überhaupt? Ohne Social Media scheint nichts mehr zu laufen, aber obwohl sogar schon auf Instagram gesucht wird, sind ITler schwer auffindbar. Die Frage nach den ITlern entfachte eine kleine Diskussion auf Twitter. Bester Hinweis: Sie sind auf GitHub unterwegs! Das meint auch Katja. Außerdem kam noch dieser Tipp hier:

In der zweiten Sessionrunde ging es mit weiteren Aspekten von Human Resources weiter. Dabei wurde deutlich, dass es HR-Abteilungen wie Sandwichkindern geht. Die Position zwischen Geschäftsführung und Personal ist kein leichtes Spiel. Einer der Tipps, die sich die Anwesenden zur gegenseitigen Unterstützung gaben, lautete: „Wenn man die Mitarbeiter zur Teilnahme am Gesundheitstag oder ähnlichen Aktionen nicht mobilisiert bekommt, hilft es häufig, den Betriebsrat mit ins Boot zu nehmen. Der erreicht die Menschen ganz anders. Das wirkt.“

Wollt Ihr mehr über solche Videos wissen? Hier haben zwei Teilnehmer des HRcamps in der Pause mal kurz darüber gesprochen und es professionell authentisch rübergebracht. Schaut mal:

Aber Ihr wisst schon, Natürlichkeit ist alles.

Mittagspause! #yummy, das war lecker! Doch die Tatsache, dass wir hier so gut wie keine Bilder der leckeren Speisen einbauen können, zeigt, dass auf der Veranstaltung mehr Wert auf Gespräche als aufs Fotografieren gelegt wurde. Das ist ein gutes Zeichen. Netzwerken ist sinnvoll.

 

Alle Sessions zu erwähnen, würde den Rahmen dieses Blogbeitrages sprengen. Wer mehr davon sehen und eventuell auch ganze Gespräche nachlesen möchte, die sich dazu parallel auf Twitter ergeben haben, findet sämtliche Tweets unter dem Hashtag #hrcko.

Feedback zum HRcamp Koblenz gab es anschließend auch.

Und hier unser Feedback. Per Video. Denn diese Möglichkeit gab es vor Ort, und da wir Social-Media-Freaks bekanntlich zum Pferdestehlen sind, konnten wir uns auch diesen Spaß nicht nehmen lassen. 😉

Und damit Ihr nicht nur unsere Meinung dazu kennt, hier auch noch das Feedback von Maren aus Düsseldorf:

Wir bedanken uns für das erste HRcamp Koblenz und freuen uns aufs nächste Jahr.

Lesenswertes zum #HRCKO:

„Startups sind wichtig, um die Region zu beleben“

Diesen Monat findet zum fünften Mal das Koblenzer Startup Weekend statt. Um mehr darüber zu erfahren, haben wir uns im Technologiezentrum Koblenz (TZK) mit zwei wichtigen Köpfen dieser Veranstaltungsreihe getroffen. Markus Maron ist Vorstand des IT.Stadt Koblenz e.V. und Organisator des Startup Weekends. Jan Hagge ist Geschäftsführer des TZK und auch für die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Koblenz tätig. Beim Startup Weekend sitzt er in der Jury.

Herr Maron, warum braucht Koblenz Startups?

Startups sind wichtig, um die Region zu beleben, neue Firmen hervorzubringen, agiler zu werden und ganz neue Arbeitsweisen an den Tag zu legen als es etablierte Unternehmen tun. Startups sind viel schneller in der Entscheidung und Umsetzung als große Firmen, die eher festgefahrene Prozesse haben und nach dem Motto agieren: “Das haben wir schon immer so gemacht”. Daher ist es gut, Firmen zu haben, die binnen kurzer Zeit schon ein Produkt oder einen Prototyp auf den Markt bringen. Warum genau Koblenz das braucht, kann Herr Hagge als Fachmann für Wirtschaftsförderung und Geschäftsführer des Technologiezentrums bestimmt viel besser erklären.

 

Herr Hagge, kann die Region mehr Startups gebrauchen und würden auch etablierte Unternehmen davon profitieren?

Sicherlich. Zum einen braucht es neue Startups, weil jedes Traditionsunternehmen, das es heute irgendwo gibt, früher mal ein Startup war. Es gibt nicht mehr viele große Unternehmen, deren Gründer noch leben. Die meisten Unternehmen haben schon eine lange Historie, daher ist es sinnvoll, den Gründergeist wieder zu beleben. Das ist eine Bewegung, die in ganz Deutschland und Europa befürwortet und gefördert wird. Daher möchten wir das auch in Koblenz machen und die Gründe dafür hat Herr Maron ganz richtig genannt. Neue Methoden erlernen, neue Themen aufsetzen, neue Geschäftsmodelle entwickeln – all das kann in einem neuen Unternehmen realisiert werden. Allerdings kann man alles, was man beim Startup Weekend lernt, auch in einem bestehenden Unternehmen umsetzen, um dort neue Projekte zu entwickeln. Das ist ein Hauptaspekt, der eine besondere Stärke des Startup Weekends darstellt. Aus einer vagen Idee oder bestehenden Problemstellungen entsteht am Ende ein in sich geschlossenes, funktionierendes Modell von einem Unternehmen oder einer Geschäftsidee.

 

Spielt diese positive Energie nicht insbesondere im Hinblick auf Recruiting eine große Rolle für die bestehenden Unternehmen?

Maron: Ja, ich denke, das ist mit ein Grund dafür, dass uns beispielsweise die Debeka unterstützt. Hier im Gebäude gegenüber des TZK soll das DICE – Debeka Innovation Center – eröffnet werden. Damit möchte man sich auch attraktiver für zukünftige Mitarbeiter machen und nicht nur Versicherer, sondern auch innovativer Arbeitgeber sein.

Hagge: Immer mehr Menschen suchen Arbeitsplätze mit nicht vorgegebenen Arbeitsstrukturen. Beim Gründungsthema geht es nicht darum, Leute aus der Arbeitslosigkeit herauszuholen oder sie davor zu bewahren. Es sind oftmals sogenannte High Potentials, die auf dem etablierten Arbeitsmarkt sehr gute Aussichten hätten, aber den Drang dazu verspüren, etwas Neues zu erschaffen. Diejenigen achten auf das Arbeitsumfeld und wollen sich die Aufgaben selbst aussuchen. Welche Möglichkeiten habe ich? Welche Firmenphilosophie wird vertreten? Das sind Fragen, die sie sich stellen. In der Startup-Welt sind viele Themen vertreten, die heute auch große Unternehmen im Sinne von Arbeitskultur aufgreifen wollen.

 

Beim Thema Startup denken die meisten an Metropolen, nicht zuletzt an Berlin. Warum sollten Gründer ihre Idee in Koblenz realisieren und aufbauen?

Hagge: Das kommt auf den Zielmarkt an. Koblenz hat eine sehr diversifizierte wirtschaftliche Landschaft und ist jetzt schon eines der stärksten Wirtschaftszentren in Rheinland-Pfalz, vor allem ohne den Fokus in einem einzigen Bereich. Eine breit aufgestellte Wirtschaftslandschaft mit einer sehr guten Mittelstandsbasis ist hier ein großer Vorteil. Wenn man also mit seinem neuen Unternehmen auf Firmenkunden abzielt, dann findet man hier sehr gute Voraussetzungen. Berlin hat andere Stärken. Die dortigen Startups sind häufig im Endkundenbereich angesiedelt und erfahren starke Finanzierung. Doch einer der Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands ist, dass wir nicht diese zentralisierten Strukturen, sondern starke Regionen haben, die ihre eigenen Identitäten aufweisen. Das ist auch in Koblenz der Fall.

Maron: Ich denke, es kommt auch darauf an, worauf man abzielt. Startup gründen, Finanzierung bekommen und dann schneller Exit? Dann ist man in Berlin oder einer anderen Metropole besser aufgehoben, weil es dort vielmehr Investoren gibt. Wenn man aber ein Startup aufbaut, um langfristig auf dem Markt zu bleiben, dann geht das hier besser, weil man hier mehr potenzielle Kunden zur Verfügung hat.

 

Sie beide setzen sich sehr für die hiesige Startup-Landschaft ein. Welche Unterstützung könnte unsere Region noch gebrauchen? Was fehlt?

Hagge: Wenn man mit erfolgreichen Gründern aus der Region spricht, gibt es immer wieder gute Argumente für die Vernetzung mit Gründern aus anderen Regionen. Andernorts, wie beispielsweise in Frankfurt, ist das Angebot an Veranstaltungen mit hervorragenden Speakern größer. Es wäre schön, wenn auch wir die Mittel hätten, deutschlandweit interessante Speaker hierher einzuladen, um auch fortgeschrittenen Unternehmern spannende Formate bieten zu können.

Maron: Und da wäre noch der Aspekt “Investoren”. In der Region gibt es viele Menschen, die als Investor tätig sein könnten, aber eventuell nicht wissen, dass es hier Startups gibt, die sich auch über einen vergleichsweise kleinen, fünf- oder sechsstelligen Betrag freuen würden. Gerade am Anfang braucht man ja relativ wenig Geld. Hier findet man eine gute Infrastruktur vor, aber man braucht Geld, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Dann lässt sich auch eine Unternehmensidee verwirklichen. In der Region gibt es viele, die Geld haben und auf dem Kapitalmarkt nichts für ihr Geld bekommen. Diejenigen müsste man mit den Startups zusammenbringen.

 

Warum organisieren Sie das Startup-Weekend?

Maron: Als ich damit anfing, Veranstaltungen für Startups zu organisieren, gab es zwar schon das TZK, aber spezielle Events fanden nicht statt und das ISSO existierte noch nicht. Die Startup-Community in Koblenz war sehr überschaubar. Das fand ich sehr schade und wollte es ändern. Startup Weekends fanden auch in anderen rheinland-pfälzischen Städten statt, gefördert vom Land. Für mich war das ein Antrieb so etwas auch in Koblenz auf die Beine zu stellen, um eine Community zu fördern. Die Leute sollten sich treffen, miteinander austauschen und vernetzen.

 

Was genau ist das Startup Weekend und für wen könnte es interessant sein?

Maron: Beim Startup Weekend handelt es sich um ein weltweites Veranstaltungsformat. Unterstützt wird es von Google for Entrepreneurs und hat bereits in über 1000 Städten stattgefunden. Wir haben 2014 damit angefangen. Es kommen Gründungsinteressierte zusammen, ganz egal welchen Alters und unabhängig davon, ob sie bereits eine Idee haben oder nicht. Wer Spaß daran hat, etwas gemeinsam mit anderen umzusetzen – ob als Programmierer, BWLer oder aus einem ganz anderen Bereich – ist da genau richtig. Manche kommen bereits mit einer Idee und suchen Leute, um ein Team aufzubauen und 54 Stunden lang an der Idee und Umsetzung zu arbeiten. Am Ende des Wochenendes stellen sie ihre Idee ein weiteres Mal vor, nämlich das, was in der Zwischenzeit daraus geworden ist. Eine Jury entscheidet darüber, welche Ideen am besten sind. Diejenigen erhalten dann Preise.

Hagge: Das Ganze wird innerhalb der 54 Stunden von Mentoren begleitet. Sie stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Es sind Experten aus unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel Gestaltung, Technologie oder Wirtschaft, aber auch Unternehmerpersönlichkeiten, die sich dem Gründungsgedanken verbunden fühlen. Wir haben mittlerweile ein gutes Netzwerk aus Unterstützern.

 

Sie sitzen in der Jury, Herr Hagge?

Hagge: Ich bin Jurymitglied, ja.

 

Ist es schön, am Ende die Ergebnisse zu sehen?

Hagge: Ja, definitiv. Denn am Anfang ist völlig unklar, welche Ideen tatsächlich kommen werden, welche Teams entstanden sind und welche Potenziale darin erkannt werden. Der große Knackpunkt an der Sache ist, die am Startup Weekend entstandene Energie fortzuführen, also die Gründerteams dazu zu bewegen, dass sie in der Form und mit dem Gedanken weitermachen. Denn viele von ihnen kannten sich vorher gar nicht. Dann gewinnen sie einen Preis und haben die Möglichkeit, mehr daraus zu machen. Aber wie hält man sie an der Stange? Das ist übrigens ein Thema, warum auch Martin Görlitz Jurymitglied ist und mit ISSO die Gewinner unterstützt. Auch wir vom TZK stellen dem Siegerteam bestimmte Strukturen und konkrete Leistungen zur Verfügung, damit es die Möglichkeit hat, weiterzumachen und die Unternehmensgründung zu realisieren.

 

Ist Ihnen aus den vergangenen Jahren eine nennenswerte Story in Erinnerung geblieben? Ein besonders erfolgreiches Team?

Maron: Grundsätzlich ist es jedes Mal schön zu sehen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Spaß an der Sache haben und am Ende auch dankbar für diese Erfahrung sind. Im ersten Jahr hatten wir hier ein Team, das einen Foodtruck auf die Straße bringen wollte und mit Hilfe der Mentoren die notwendige Finanzierung erhalten hat. Die Teammitglieder waren so dankbar, dass sie ein oder zwei Jahre später als Sponsor zum Startup Weekend kamen und an einem Tag die Burger umsonst ausgegeben haben. Ein anderes Team mit Studenten von der WHU hatte zuerst hier, dann auch bei anderen Wettbewerben gewonnen und ist schließlich nach Berlin gegangen.

 

Wo wird das diesjährige Startup Weekend stattfinden und wann?

Maron: Dieses Jahr findet es hier im TZK statt. Es geht los am 19. Oktober um 17 Uhr und endet am Sonntagnachmittag etwa gegen 17 oder 18 Uhr.

Hagge: Der Veranstalter des Startup Weekends ist der IT.Stadt Koblenz e.V., aber bei den Organisatoren handelt es sich um die Startup League Koblenz. Das sind mehrere Mitglieder von einzelnen Institutionen, die sich zum Thema Gründungsförderung zusammengefunden haben: die IHK und die HwK, das ISSO als private Stiftung zu diesem Thema, das Technologiezentrum Koblenz (TZK), die Wirtschaftsförderung der Stadt Koblenz, der IT.Stadt Koblenz e.V. und die Wirtschaftsjunioren. Außerdem das Gründungsbüro der Universität Koblenz und die WHU Otto Beisheim School of Management. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Bei den meisten dieser Partner durften wir bereits das Startup Weekend veranstalten und diesmal findet es zum zweiten Mal bei uns im TZK statt.

 

Kann man sich noch anmelden?

(beide erfreut)

Maron: Selbstverständlich.

Hagge: Definitiv.

 

Wir danken für das freundliche Gespräch und sind gespannt auf das Event.

Weitere Informationen zum Startup Weekend 2018 findet Ihr hier.

Mastodon – Ein Netzwerk hat seine Unschuld verloren

Wer hier einen Account anlegt, staunt nicht schlecht über die vergleichsweise angenehme Klientel sowie das Kommunikationsniveau. Eine Plattform, die die Trolle und Hetzer noch nicht für sich entdeckt haben? So schien es. Zumindest bis gestern.

Shitstorms passieren täglich irgendwo in Social Media. Auch auf Twitter. Nicht wenige haben diesem Dienst daher den Rücken gekehrt und zu Mastodon gewechselt. Dort wird nicht getwittert oder gezwitschert, sondern getrötet. Das Logo ist kein Vogel, sondern ein – genau, Mastodon. Doch natürlich sind das nicht die entscheidenden Unterschiede. Zu den Vorzügen der jüngeren Microblogging-Plattform zählen unter anderem die dezentrale Struktur sowie die Tatsache, dass keine Firma dahinter steckt. „Das in Deutschland entstandene Mastodon macht fast alles richtig, was Twitter falsch macht. Hassposts lassen sich relativ leicht in den Griff bekommen. Es gibt kein Datensammeln, keine Werbung und keine manipulierten Timelines (….)“, heißt es diese Woche auf lead-digital. Auch Blogger thematisieren die Probleme mit Twitter und befürworten das jüngere Netzwerk. „Seit einigen Tagen kommt Mastodon richtig in Fahrt. Grund für Neu- und Wiederanmeldungen dürfte für viele der zunehmende Ärger mit Twitter sein. Nicht nur, dass man dort so offenbar gar nichts gegen vielfältigen Hass tut – seit gestern ist die API für Drittanbieter Apps so beschränkt, dass sie die Nutzung stark einschränkt“, bloggte Online-Marketer Sascha Aßbach vor knapp zwei Wochen. Seit wenigen Tagen stellen sich jedoch auch die ansonsten begeisterten Mastodon-Nutzer die Frage, wie das Netzwerk mit der Herausforderung Mensch und demensprechend mit Hass und Hetze künftig umgehen wird.

„Mastodon hat seine Unschuld verloren“, teilte mir gestern ein Fan der Plattform mit. Da das in meinen Ohren nach einem guten Titel für …. schon fast egal, wofür …. klang, fragte ich nach, was geschehen war. Es kommt selten vor, dass der Titel steht, bevor man die Story kennt. Manchmal muss man mutig sein und sich gegebenenfalls eine Geschichte anhören, die bei Weitem nicht das Versprechen des Titels erfüllt. In dem Fall ist es jedoch nicht so. Vermutlich. Da ich schon lange nicht mehr auf dieser Plattform aktiv bin, ließ ich mir einiges zeigen und von den Begebenheiten erzählen. Alles fing mit einem Schauspieler an.

Will Wheaton, der sich als Schauspieler (Raumschiff Enterprise) und Buchautor einen Namen gemacht hatte, wurde vor knapp zwei Wochen auf Mastodon aktiv. Warum auch nicht? Viele Prominente tummeln sich auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken, warum also nicht auch dort? Wer nun annimmt, Wheatons Fans seien vor Freude ausgeflippt und hätten mit ihrem Überschwang irgendwie für Probleme gesorgt, der irrt. Schneller als man hinschauen konnte, begann eine Hetze gegen Wheaton. Die Gründe sind nicht ganz klar, aber die Vorwürfe gegen ihn häuften sich derart, dass der Schauspieler die betreffenden Nutzer meldete. Das wiederum fachte das Feuer umso mehr an, sodass bei den Moderatoren des Netzwerks täglich etwa 60 Beschwerden über Wheaton eingingen. Die von den vielen Beschwerden sowohl seitens Wheaton als auch seitens seiner Gegner genervten Moderatoren, sperrten schließlich seinen Account. Das ist die Kurzfassung. Wheaton hat dem Ganzen einen Blogbeitrag gewidmet und schreibt enttäuscht über Twitter und Mastodon:

„I thought I’d find something different. I thought I’d find a smaller community that was more like Twitter was way back in 2008 or 2009. Cat pictures! Jokes! Links to interesting things that we found in the backwaters of the internet! Interaction with friends we just haven’t met, yet! What I found was … not that.“

Derweil beschäftigt dieser Verlauf auch Nutzer, die mit dem Schauspieler bis dato nichts zu tun hatten. Für sie steht nicht die Frage im Vordergrund, ob etwas an den Vorwürfen gegen Wheaton dran ist. Ihnen ist wichtig, wie eine Instanz (in dem Fall die Moderatoren) bei Streitigkeiten reagieren. Warum? Weil es hier scheinbar um die gezielte und böswillige Vernichtung des digitalen Ichs einer Person geht. Mastodon-Nutzern wollen derartige Eskalationen auf dieser Plattform nicht haben. Immerhin hatten sie beispielsweise Twitter genau aus solchen Gründen verlassen. Sie beschreiben es als „toxisches Verhalten“, das sich bereits in anderen sozialen Netzwerken ausgebreitet hat und nun auch auf Mastodon zu finden ist. Zum einen ist es die Feststellung, dass sich auch dort Trolle tummeln und zum anderen die Erkenntnis, dass sich die Moderatoren beeinflussen lassen und falsch reagieren. Es wurde quasi das Opfer einer Hetze bestraft. Die Mastodon-Zuständigen seien damit nicht besser als andere Netzwerke, trötete beispielsweise ein in Berlin lebender Amsterdamer. Auch andere Fragen kommen auf, die tiefer in die Logik des Netzwerks greifen. So hatte der dezentrale Charakter der Plattform dem Schauspieler nicht geholfen, denn auch Personen aus anderen Instanzen konnten ihn problemlos angreifen, ohne daran gehindert zu werden. Das ist ein Punkt, über den künftig nachgedacht werden sollte. Hätte die Plattform aufgrund ihrer dezentralen Struktur nicht im Grunde bessere Möglichkeiten, die Ausbreitung eines Shitstorms zu verhindern?

Wer mag, kann sich das folgende Video anschauen, um besser zu verstehen, wie Mastodon funktioniert.

Wie steht es jetzt um Mastodons Vorzüge? Das Netzwerk besteht, wie alle anderen Plattformen, aus Menschen und muss daher sowohl mit ihren hellen als auch dunklen Seiten umzugehen lernen. Es ist ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft, digital und analog.

Wheatons Enttäuschung von Social Media ist groß. I’m too old for this shit. What we used to call microblogging isn’t worth the headache for me. I’m gonna focus my time and my energy on the things that I love, that make me happy, that support my family.

Please do your best to be kind, and make an effort to make the world less terrible. Thanks for listening“, schreibt er.

Es bleibt zu beobachten wie Mastodon mit den typischen Herausforderungen von Social Media umgehen wird. Und überhaupt: Wie viel Hass verträgt das Netz?

 

Weitere Links:

Was ist das soziale Netzwerk Mastodon? Unterschied zu Facebook und Twitter

Mastodon und das Fediverse

Kreativität zerstört die Filterblase und vernetzt

Unternehmen suchen nach kreativen Köpfen, haben aber häufig bereits vorab eine konkrete Vorstellung davon, wie dieser kreative Kopf ticken sollte. Es muss ja passen. Doch wenn es so schön passt, ist es oftmals nicht anders, als das, was man schon hat. Inspiration und Fortschritt? Fehlanzeige.

Netzwerken gilt als das A und O des zukunftsorientierten Unternehmertums und dennoch wird auch das weiterhin häufig falsch gemacht. Denn es fehlt an Kreativität und Vielfalt. Dabei muss nicht jeder im künstlerischen Sinne kreativ sein. Es geht vielmehr um Offenheit dem Unbekannten gegenüber. Ein kreativer Blick ist ein aufgeschlossener Blick – ohne Scheuklappen und unbedingt aus der Filterblase hinaus. Erfolgreiche Unternehmer sind kreativ, weil sie sich aus völlig anderen Bereichen Inspirationen holen. Sie befassen sich mit Dingen, die ihnen gestern noch unbekannt waren. Darin liegt der Knackpunkt und somit leider auch das größte Defizit vieler Events. Denn in der Regel schwimmt man in der eigenen Suppe und übt Selbstbeweihräucherung.

Die Digitalisierung erleichtert das Knüpfen neuer Kontakte, zahlreiche Events bringen Leute aus allen Richtungen der Bundesrepublik sowie dem Ausland zusammen und sorgen für großen Nachklang in den Printmedien, Blogs und Onlinemagazinen. Wer von uns hat sich noch nie mit der Teilnahme an einem speziellen Event gebrüstet? Wir wissen doch alle, dass solche Fotos auf LinkedIn, Instagram, Twitter und Facebook besonders gut rüberkommen. Wie praktisch! Man lernt interessante Leute (über das Digitale hinaus) persönlich kennen, bringt eventuell Kooperationen auf den Weg UND hat auch noch schöne Bildchen, um die digitalen Kanäle zu füllen. Klingt gut, bringt langfristig aber nicht zwangsläufig viel, weil etwas fehlt: Vielfalt und Kreativität.

Die meisten Events sind themenspezifisch und bringen Leute zusammen, die ähnlich denken, sich mit ähnlichen Schwerpunkten befassen, die gleichen Zeitungsartikel lesen und an die gleichen Orte verreisen. Man kennt einander. Filterblase ist als Begriff seit Jahren bekannt. Man geht zu den Pflichtveranstaltungen. Und fährt mal ein scheinbar kreativer Zug – ein BarCamp, Technik-Event oder Bloggertreffen? – vorbei, so springt man auf den Waggon, von dem man sich etwas verspricht, das war´s. Viele zieht es nach Berlin, andere, die dort bereits etwas erreicht haben, versuchen wiederum (zusätzlich) in anderen Regionen ihr „eigenes Ding“ auf die Beine zu stellen. Ideen gibt es viele, aber. Es ist dieses ABER.

Stadtverwaltungen, die innovativen Unternehmern das Leben unnötig schwer machen und Organisationen, die nur ihr eigenes Süppchen kochen, statt den Standort zu stärken, sind nur ein Beispiel. Jeder möchte etwas erreichen, verlässt seine Komfortzone jedoch nicht. Kreative Köpfe sollen helfen und werden gesucht, doch man sucht falsch.

Wer mehr Kreativität in seinen Teams haben oder selbst inspiriert werden möchte, sollte kreativer in seiner Suche werden und sich mit Menschen befassen, die nicht zu den typischen Events kommen, sondern andere Dinge machen.

Wie wäre es mit Veranstaltungen, die über die üblichen Grenzen hinausgehen? Nicht die Digitalen unter sich, nicht die Künstler und Kulturinteressierten unter sich, nicht die BWLer, Marketingleute oder Geschäftsführer unter sich. Auch das muss es zwar geben, doch ein Gegenentwurf entspricht vielmehr dem, was für die Zukunft notwendig ist. Der Blick muss sich ändern. Hier und da gibt es schon gute Ansätze – Veranstaltungen, die Farbe ins Spiel bringen, die Leute aus einander fremden Bereichen an einen Tisch zusammensetzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig das ist. Denn überall wird in Zielgruppen gedacht, aber als Community, die deratige Events etablieren oder einen Standort stärken möchte, kann man keine typische Zielgruppe vorweisen. Dafür ist man zu vielfältig. Aus gleichen Gründen ist es anstrengender „Follower“ zu gewinnen und online mit ansprechenden Zahlen zu glänzen. Bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die es trotzdem wagen, am Ball bleiben und nicht allzu früh aufgeben. Denn diese Art von Netzwerken wächst zwar langsamer, ist dafür aber umso intensiver und hat letztendlich mehr zu bieten – u.a. Inspiration, Ergänzung und Vertrautheit.

Ohne Kreativität gibt es Stillstand. Man muss Kreativität wachsen lassen und akzeptieren, dass sie Grenzen durchbricht und Brücken baut, wo vorher keine waren. Zukunftsorientierte Vernetzung braucht Kreativität.

 

Interview mit den Gewinnern des Innovation Award Laser Technology 2018

Der Innovation Award Laser Technology gilt als Oscar in der Laserbranche und wird alle zwei Jahre von einer internationalen Jury in Aachen vergeben. Dieses Jahr ging der erste Platz an ein Unternehmen aus Mülheim-Kärlich! Laserline, das als Startup zunächst im Technologiezentrum Koblenz (TZK) angefangen hatte und sich inzwischen in der Fraunhofer Straße in Mülheim-Kärlich befindet, taucht nun in einer Reihe mit weltbekannten Konzernen auf, die im Laufe der Jahre für bemerkenswerte Innovationen sorgten und zu den Gewinnern des begehrten Preises zählten. Ein mittelständisches Unternehmen aus unserer Region! Das ist nicht nur großartig, sondern wirft auch Fragen auf, die mir die beiden hauptverantwortlichen Gewinner höchstpersönlich beantwortet haben.

Dr. Axel Luft (Vertriebsleiter Automotive weltweit) und Dr. Markus Baumann (Entwicklungsingenieur) hießen mich bei Laserline willkommen. Sie beantworteten nicht nur meine Fragen, sondern führten mich durch das Gebäude, zeigten Anschauungsobjekte, Roboter, die ihre Laser bedienen und erklärten bemerkenswert verständlich sowie anschaulich, was sie machen und wie was funktioniert. Im Interview sprachen sie aber auch davon, was gute Teamarbeit ausmacht. Viel Vergnügen beim Lesen.

Bei Lasern dürften viele Leute zuerst an Space Operas, Raumschiffe und Weltraumabenteuer denken. Wie viel Science Fiction steckt in Laserline?

Baumann: Wenig. Bei Laserline arbeiten wir mit Halbleiterlasern, Diodenlasern. Hierbei wird das Laserlicht direkt aus dem elektrischen Strom im Halbleiter erzeugt. Diese Laser haben eben nicht die Eigenschaften, die man klassischerweise aus dem Fernsehen kennt – nämlich dass man so einen langen, gerade gerichteten, schmalen Laserstrahl hat. Beim Diodenlaser kommt das Licht eher wie aus einer Taschenlampe heraus. Sehr divergent, mit großem Öffnungswinkel. Wir brauchen spezielle Optiken, um das wieder einzufangen. Aber wir können mit einer hohen Effizienz auch sehr hohe Leistungen erzeugen. Jetzt arbeiten wir aktuell an Lasern bis 60kW optischer Leistung. Abgesehen von Speziallasern in der Raketenabwehr, ist das sehr viel, denn die üblichen Laser in der industriellen Anwendung arbeiten im Bereich zwischen 2 und 10 kW.

Luft: Wichtig ist auch zu wissen, dass man Laserstrahlen nicht sehen kann. Es ist nicht wie bei Star Wars in bunten Farben, sondern die Strahlung liegt im Infrarot-Bereich und ist für das Auge unsichtbar.

Kann man sie nicht sichtbar machen?

Baumann: Alles, was vom Laser bestrahlt wird, beginnt wahrscheinlich schnell zu glühen oder zu rauchen. Spätestens dann ist es sichtbar.

Was macht Laserline genau?

Baumann: Laserline bringt den Laser als Strahlwerkzeug zur Anwendung in den Markt. Zum Beispiel, um Kunststoffe zu verschweißen, Autokarosserien zu löten, oder um Griffe an Bratpfannen zu schweißen.

Luft: Auch zum Beschichten von Bohrwerkzeugen für den Einsatz auf Erdöl- und Erdgasfeldern sowie zum Härten. Wir bauen Strahlquellen zur Materialverarbeitung. Da wir ein eigenes Applikationszentrum haben, machen wir zudem Anwendungstests mit den Kunden.

Laser zum Härten? Das ist vermutlich neu, oder?

Luft: Nein, das war mitunter die erste Anwendung und das Schweißen kam als Letztes hinzu. Über die Jahre sind die Leistungen und die Strahlqualitäten gewachsen. Niedrige Strahlqualität bedeutet, dass ich auf bestimmten Abstand eine relativ große Fläche bestrahle, damit erreiche ich geringe Intensitäten. Dann kann ich damit zum Beispiel härten. Auch beim Kunststoffschweißen benötigt man nur niedrige Intensitäten. Mit der Zeit haben wir immer höhere Leistungen und bessere Strahlqualitäten erreicht, was bedeutet, dass wir bei gleichem Abstand immer kleinere Flächen mit höheren Leistungen bestrahlen konnten – und so lässt sich auch schweißen.

Also kommen nicht die Kunden zu Ihnen, sondern Sie gehen mit Ihren Neuentwicklungen auf die Unternehmen zu?

Luft: Da gibt es zwei Richtungen. Zum einen gibt es die Situation, dass wir einen neuen Laser haben, der noch mehr kann. Dann gehen wir auf den Kunden zu. Es gibt aber auch die andere Variante. Wenn der Kunde beispielsweise Schwierigkeiten hat und wir mit ihm versuchen, diese Schwierigkeiten zu lösen. „Push and pull“. Push, um neue Leistungen auf den Markt zu bringen und pull, weil Kunden eine Lösung suchen.

Baumann: Genau, der Laser wird von uns nie einfach nur als solcher angeboten, sondern stets mit bestimmter Anwendung. Es kommt kein Kunde zu Laserline, weil er einen Laser möchte. Kunden kommen, weil sie zum Beispiel eine Karosserie verbinden wollen. Ob er das mit einem Laser oder mit einem konventionellen Mittel macht, ist dem Kunden zunächst egal. Da fängt dann unsere Arbeit an. Wir zeigen die Vorzüge der Laser und stellen heraus, warum das Laserlicht als Strahlwerkzeug für diese Anwendung besonders gut geeignet ist. In vielen Punkten bietet es wesentliche Vorteile.

Und Sie, Herr Luft, sind dann derjenige, der zu den Kunden fährt?

Luft: Ja, aber früher war ich Abteilungsleiter für die Anwendung. Ich bin für alle Automobilkunden weltweit zuständig und betreue weiterhin die Automobilanwendungen.

Sie sind einer der Entwickler, Herr Baumann?

Baumann: Genau. Häufig ist es so, dass Kunden vor Herausforderungen stehen, die spezielle Energieverteilungen im Laserspot erfordern – oder eine spezielle Optik. Aus beengten Platzbedingungen beispielsweise. Dann wird das an mich herangetragen und ich muss versuchen, eine technische Lösung zu finden.

War es auch im Fall der Neuentwicklung so, mit der Sie den Award gewonnen haben?

Baumann: In dem Fall kam Axel bei mir vorbei und erzählte vom unbefriedigenden Sachverhalt mit den feuerverzinkten Blechen im Karosseriebau. Sie, das heißt er und der Automobilkunde, hatten bereits eine Idee, wie der notwendige Spot vielleicht aussehen könnte, um den unerwünschten Effekt zu vermeiden. Die Frage an mich lautete: „Fällt dir etwas ein, wie man eine Optik macht, die genau diesen Spot erzeugt?“

Was genau war das Problem?

Luft: In der Automobilindustrie hatte sich die Beschichtung der Karosserieteile verändert. Beim Löten von feuerverzinkten Blechen, das beim Fügen der Einzelteile eingesetzt wird, kam es zu Prozessproblemen – nämlich zu Mikrospritzern und Überschwappungen an den Rändern der zusammengelöteten Teile. Doch man wollte, wie zuvor, glatte Kanten haben. Die Frage war also, was man am Prozess ändern müsste, damit er wieder funktioniert. Zunächst hat VW Highspeed-Aufnahmen von diesem Prozess gemacht und festgestellt, dass man den Prozess an den Rändern beruhigen müsste. Daraus entstand die Idee, dass man vorweg seitlich den Zink wegbrennt. An dieser Stelle kamen wir ins Spiel.

Und wie haben Sie das Problem gelöst?

Luft: Zwei kleine Vorspots, die rechts und links von der Naht sind, verbrennen den Zink und sorgen sozusagen für eine Passivschicht, die sich nicht mehr benetzen lässt. Das Lot geht also nicht mehr darüber hinweg und es gibt keine Spritzer. Man erhält ganz gerade Ränder. Doch eine weitere Herausforderung stellten die unterschiedlichen Geometrien der Karosserieteile dar, ob man z.B. das Dach an die Seitenwand lötet oder im Bereich der Kennzeichenmulde. Auch je nach Kunde unterscheiden sich die Geometrien, was jeweils unterschiedliche Spots erfordert. Zum Beispiel muss der Abstand zwischen den Spots anders sein oder die Leistungsverteilung. Diese Möglichkeiten bietet unser Produkt.

 

Wie würden Sie die Innovation an Ihrer Erfindung beschreiben?

Baumann: Da sind Innovationen auf zwei Seiten. Zum einen haben wir die Spotgeometrien gefunden und zum anderen haben wir eine relativ einfache, optische Lösung erarbeitet, die die jeweils erforderten Einstellmöglichkeiten bietet. Es ist ein sehr kompaktes Modul, das wir ohne Probleme in die Bearbeitungsoptik nachträglich einbauen können, um die Vorteile zu nutzen. In der Anwendung sind die einfacheren Dinge oft die besseren. Doch eine gute, einfache Lösung zu finden, ist oft schwierig.

Warum war Ihnen die Teilnahme am Wettbewerb wichtig?

Luft: Für uns war das Projekt sehr wichtig. Wir sind beim Löten Marktführer. Wir haben mit einem einfachen, runden Spot etwa 80 % des Marktes und mussten mit der neuen Beschichtung aufpassen,unsere Position zu halten. Markus und ich haben am ILT in Aachen promoviert und für uns hat dieser Preis nochmal eine besondere Bedeutung. Als es abzusehen war, dass unsere Innovation den Anmeldeanforderungen entspricht, hab ich die Anmeldung dem Team vorgeschlagen. Alle waren dafür…

Für den Award mussten Sie sich explizit bewerben?

Luft: Ja. Ich war das Bindeglied zwischen allen und der Treiber und habe den Lötprozess entwickelt und getestet, wobei wir ohne Markus´ Knowhow nichts davon hätten umsetzen können.

Baumann: Die Idee, was benötigt wird, hat Axel mit dem Kunden zusammen entwickelt. Die Hardware habe ich entwickelt. Für den Award hat es dann Axel angemeldet, weil er der Knotenpunkt zwischen VW, Scansonic und Laserline ist. Insgesamt haben wir uns als Team von diesen drei Unternehmen angemeldet, also Thorge Hammer und Meinulf Hinz von VW, Andreas van Hove und Florian Albert von Scansonic, und wir beide von Laserline. Scansonic ist der Hersteller der Bearbeitungsoptik, in die wir unser Modul integriert haben.

Müssen bei der Anmeldung bestimmte Anforderungen erfüllt sein?

Luft: Eine der Voraussetzung zur Teilnahme lautet, dass die Idee höchstens drei Jahre alt sein darf. Das ist für viele schwierig und daher ein Knackpunkt. Wir hatten das Patent 2015 angemeldet, so dass wir tatsächlich innerhalb von drei Jahren diesen Erfolg hatten. Denn nach den Serientests bei VW ging es in die Qualifizierung. In China waren wir mit Teams aus VW, Scansonic und Laserline vertreten und mussten die Prozesse in 3D wieder genauso herstellen.

Inzwischen haben wir über 60 Module verkauft. Wenn man die Laser dazu zählt, sind das mehrere Millionen Umsatz. Nur wenige, die sich zum Award angemeldet haben, sind so weit in der Umsetzung.

Baumann: Speziell bei diesem Award geht es nicht um eine herausragende wissenschaftliche Leistung, sondern ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass man eine technische Innovation hat, die einen wirtschaftlichen Erfolg in der industriellen Anwendung haben muss. Und da konnten wir mit dem Knallereinstieg in der Serienfertigung mit unserem Modul punkten. Bestimmt wurden wir deshalb unter den ersten Drei nominiert. Denn insbesondere wenn es um neue Technik geht, ist ein Jahr schnell rum. Die Teile zu konstruieren, in die Fertigung zu geben, alles zu montieren und dann noch zu testen – das braucht Zeit. Bis da ein wirtschaftlicher Erfolg erkennbar ist, dauert es mitunter etwa 5 Jahre.

Was sind die Voraussetzungen, um als ein Team so erfolgreich arbeiten zu können?

Baumann: Der große Vorteil bei Laserline ist, dass hier die ganzen Strukturen noch relativ überschaubar sind und man im relativ kleinen Kreis derartige Sachen schnell vorantreiben kann. Man muss nicht bis hin zur Konzernspitze Freigaben anfordern, denn wir haben hier kurze Wege zu den Geschäftsführern. Außerdem können wir uns auf unsere guten Zulieferer verlassen. Von der Idee, wie der Spot aussehen soll, der technischen Umsetzung bis zur fertigen Mechanik hat es weniger als ein Jahr gedauert. Da hing das bereits am Roboter und wir konnten mit den Tests loslegen. VW war begeistert, dass das alles so schnell ging.

Luft: Und es ging auch deshalb so schnell, weil wir den Wettbewerb im Rücken hatten. Wir wollten es zügig und gut machen. Spannend war es, weil beispielsweise die Lieferung einiger Teile sechs Wochen dauert. Dann mussten wir warten. Und wenn die Teile kamen, mussten sie schnell zusammengebaut werden, um möglichst sofort testen zu können. Immer wieder. Nebenbei war es auch wichtig, den Kunden bei Laune zu halten, damit er uns Zeit gibt.

Schnelles Arbeiten sowie innovative Lösungen erwartet man eher von Start-ups. Sie arbeiten in einem weitaus größeren Unternehmen. Wie haben Sie es dennoch mit Flexibilität sowie hohem Tempo geschafft?

Luft: Das liegt vor allem daran, dass Markus und ich zu zweit gesagt haben, wir machen das. Ich habe bei der Geschäftsführung die Erlaubnis eingeholt, dass wir die erste Investition für diese Entwicklung machen können. Und dann haben wir es zu zweit durchgezogen. Der Schlüssel dazu war, dass wir uns perfekt ergänzt haben – Markus mit seinem Knowhow, ich mit meinem. Wir haben eng und schnell zusammengearbeitet.

Baumann: Wenn man solche Projekte schnell umsetzen möchte, benötigt man ein Team über die gesamte Kette, sonst gehen in der Kommunikation miteinander eine Menge entscheidende Informationen verloren. Eigentlich hätte man in unserem Fall noch mindestens zwei weitere Fachleute gebraucht, aber glücklicherweise kennt sich Axel mit Applikationen beim Kunden aus. Er weiß also nicht nur über die Produkte Bescheid, sondern auch über die Prozesse. Das ist nicht bei allen Vertriebsingenieuren so. Ich wiederum verstehe nicht nur etwas von Optikauslegung, sondern kann auch die mechanische Konstruktion umsetzen. Daher funktionierte die Kommunikation zwischen uns sehr gut. Zu zweit lässt sich zügig arbeiten. Ohne Meetings. (lacht)

War diese Arbeitsweise etwas Besonderes für Sie?

Luft: In der Entwicklung hat man häufig mit langen Prozessen zu tun, so wie ich das mitbekommen habe. Da spielt Kundenbindung keine große Rolle. Bei diesem Projekt war es jedoch anders. Man hatte ein Problem vor Augen und arbeitete mit und für den Kunden an der Lösung. Da gab es Bedarf, Druck und Wettbewerb. Kleine Fortschritte waren sofort sichtbar. Das war eine ganz andere Art zu arbeiten.

Baumann: Richtig. Es ist einfach viel befriedigender, wenn man direktes Feedback zu den Ergebnissen erhält. Man arbeitet quasi am heißen Eisen. Für gewöhnlich bekommt man erst nach einigen Jahren Feedback, wenn man bereits an etwas ganz anderem arbeitet.

 

In der Applikation von Laserline
Laserline verfügt über eigene Test-Räume (Applikation). Hier: Dr. Luft und Dr. Baumann an einem der Roboter.

Das klingt nach einem Projekt, das nicht nur Arbeit, sondern auch Spaß bedeutet hat.

Luft: Arbeit muss auch Spaß machen. Etwas gemeinsam umzusetzen und mit dem Kunden zusammenzuarbeiten, das macht Freude.

Baumann: Und etwas weiterzuentwickeln! Dass man erst einmal eine Idee hat, mit einer Basis im Kern und der Möglichkeit, sie weiterzuentwickeln. Dass man nicht nach zwei Versuchen aufgibt, sondern genau hinschaut, wo man es optimieren könnte. Man überlegt sich das am Rechner theoretisch, die Konstruktion mechanisch – und dann kommen die Teile und man baut es zusammen. Danach baut man es an die Anlage und macht die Tests. Irgendwann funktioniert es und macht etwas so, wie man es sich zuvor vorgestellt hatte. Doch nun kann man es sogar in den Händen halten. Der Kunde ist zufrieden und man selbst auch – das macht am meisten Spaß.

Welche Rolle spielen für Sie Begriffe wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Industrie 4.0?

Luft: Industrie 4.0 kommt eher vom Kunden, weil er immer mehr Daten vom Laser zurückgespiegelt haben möchte, damit die Anforderungen automatisch erfolgen. Die Geräte sollen beispielsweise angeben: „Bei mir läuft demnächst ein Filter ab und sollte gewechselt werden.“ Da schauen wir, wie man die entsprechenden Schnittstellen umsetzen kann.

Baumann: In meinem Bereich ist es so, dass man bis vor circa sechs Jahren Zeichnungen zu den Fertigern geschickt hat. Heute verschickt man elektronische Dokumente, auch 3D-Daten von den konstruierten Objekten. Es ist sogar oft so, dass die Fertiger nachfragen, ob sie sich komplett auf das 3D-Modell verlassen können oder doch auch noch in die Zeichnung schauen müssen. Man hat sich vom Papier wegbewegt.

Auf Kundenseite spielen wiederum andere Dinge eine Rolle. Sie möchten die digitalen Kenndaten für den Laserspot kennen, um die Parameter passend einstellen zu können. Digitalisierte Datensätze für die Charakterisierung der Laserstrahlung.

Beim Ortsnamen Mülheim-Kärlich denken die meisten vermutlich an Einkaufsmöglichkeiten, die grüne Wiese. Was halten Sie von diesem Standort?

Baumann: Ich war dabei, als sich Laserline noch im TZK (Technologiezentrum Koblenz) befand. Das war ein super Ort für ein Start-up, aber dann hat Laserline eine Größe erreicht, für die mehr Raum nötig war. Unsere Chefs haben daher zuerst in Koblenz nach etwas Passendem gesucht, aber in Mülheim-Kärlich fanden sie offene Ohren und eine Stadt, die das Unternehmen hier haben wollte und zügig mitwirkte, indem beispielsweise die Baugenehmigung schnell vorlag. Wir haben hier viel Platz und können wachsen – das ist ein riesen Vorteil. Auch fürs Recruiting ist es ein guter Standort. Wir haben als Einzugsgebiet Remagen und Koblenz, wo Fachkräfte verfügbar sind. Mittlerweile kommen viele Kollegen in der Entwicklung auch aus Aachen.

Luft: Ich denke, dass Rheinland-Pfalz kleine Firmen, wie es Laserline früher war, positiver empfängt als manches andere Bundesland. In München wäre man zudem eine Firma von vielen und eher uninteressant, während sich die Ortschaften hier über die einzelnen Firmen freuen. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und war später in Aachen und im Saarland, aber mir gefällt es hier sehr gut. Koblenz, Mülheim-Kärlich – wir leben im Urlaubsgebiet, man denke nur an die Mosel. Ich freue mich, dass wir hierher gezogen sind.

Sollte bekannter werden, welche innovativen Unternehmen es hier gibt?

Baumann: Auf jeden Fall. Das wäre ein Image-Gewinn.

Wie war es denn, den Award in Aachen überreicht zu bekommen?

Baumann: Es war enorm. Dieser Preis ist vielleicht nicht so bekannt, aber in der Laserbranche ist das eine internationale und angesehene Auszeichnung. Ich hätte es mir nicht erträumen lassen. Dass man eine Chance hat gegen zehn oder mehr Mitbewerber, die ganz anders aufgestellt sind, teilweise als Konzerne mit großen Entwicklungsabteilungen, hätte ich gar nicht gedacht. Als Mittelständler rechnet man nicht damit.

Luft: Es war eine Überraschung und eine tolle Veranstaltung mit etwa 360 Anwesenden im Krönungssaal, in dem eine Woche später die Bundeskanzlerin den Karlspreis an den französischen Präsidenten Macron überreichte. Daimler hatte den Award auch einst gewonnen und der damalige Gewinner sagte mir auf der diesjährigen Veranstaltung: „Das Besondere an diesem Preis ist die komplett unabhängige, internationale Jury. Wer gewinnt, darf sich etwas darauf einbilden.“

Ja, und auch wir als Standort rund um Koblenz und Mülheim-Kärlich dürfen uns mitfreuen. Herzlichen Glückwunsch an das erfolgreiche Team!

 

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#GIEFF – Das German International Ethnographic Film Festival ab jetzt immer in Koblenz!

In 5 Tagen 53 Filme aus 33 Ländern zu Themen wie Globalisierung, Diversity, Migration, Exil, Älterwerden und Beziehungen zwischen Mensch und Tier? Ja, tatsächlich. Am 11. Mai durften wir live vom diesjährigen GIEFF berichten. Man hatte uns zu einem ganz besonderen Teil der Veranstaltung eingeladen: Der renommierte Ethnologe und Filmemacher David MacDougall war zu Gast und beeindruckte nicht nur uns mit seiner Präsentation.

Bis vor Kurzem war uns das 1993 in Göttingen gegründete GIEFF unbekannt. Wer weiß, vielleicht haben wir irgendwann einmal davon gelesen, ganz beiläufig. Doch das ist eher unwahrscheinlich, denn als wir vor wenigen Wochen zum ersten Mal davon hörten, waren wir sofort neugierig. Immerhin trägt es einen englischen Namen, ist international und – hallo – ein Festival! In unserem Koblenz! Da mussten wir einfach nachfragen und suchten Kontakt zu den Veranstaltern. Vermutlich fragt auch Ihr Euch, was dieses GIEFF konkret ist. Irgendwas mit Ethnologie, also wissenschaftlich und somit trocken? Von wegen! Kaum eine Wissenschaft ist derart „up to date“, denn Ethnologie befasst sich mit Themen, die uns aktuell besonders stark betreffen. Außerdem kommen zum GIEFF Leute aus der ganzen Welt. Auch junge Studierende! Erfahrene Filmemacher und Nachwuchsregisseure. Wissenschaftler und …. einfache Leute wie wir.

„Die Filmbeiträge des GIEFF zeigen durch ihre Nähe und Unmittelbarkeit in eindrücklicher Weise, welche Baustellen es in unserer globalen Gesellschaft gibt. (….) Die mediale Sichtbarkeit bedeutet noch keine Lösung, sondern macht uns zunächst nur gesellschaftliche Probleme bewusst.“ (Martin Görlitz, der mit seiner Stiftung und dem ISSO Institut das Festival mitorganisiert)

„Die Ethnologie lässt sich als die Kunst beschreiben, das Fremde vertraut werden zu lassen und das Vertraute fremd.“ (Prof. Dr. Ackermann, Festival Director)

Beim diesjährigen GIEFF wurden zum 14. Mal von einer internationalen Jury ausgewählte Dokumentarfilme aus unterschiedlichen Ländern gezeigt. Teil des Programms waren allerdings auch Präsentationen von interaktiven Websiten, ein studentischer Filmwettbewerb und Diskussionsrunden mit Filmschaffenden aus aller Welt. Koblenz Digital nahm an einer Neuheit des Festivals teil: der „Filmmaker´s Choice“. Sie wurde in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) auf die Beine gestellt. Auch künftig sollen hierbei bekannte Regisseure „ihre Arbeit in Perspektive setzen, indem sie Exzerpte aus Filmen, die ihre Arbeit beeinflusst haben, zeigen und mit dem Publikum diskutieren“, so heißt es in einer öffentlichen Erklärung.

Konkret bedeutete es in unserem Fall, dass wir uns mit dem preisgekrönten Filmemacher David MacDougall einen Raum teilen, gemeinsam mit ihm Ausschnitte aus aufschlussreichen Filmen anschauen und später an einer Diskussion teilnehmen durften. In der Pause mischte sich der Regisseur unter die Leute und erwies sich nicht nur als bescheiden, sondern als aufgeschlossen und gewiss auch – wie könnte es bei einem Ethnologen anders sein – neugierig. Denn er schaute sich um, beobachtete und interagierte nicht nur mit den freundlichen Studentinnen an der Getränkeausgabe.

„Ethnografische Filme sind dann gelungen, wenn sie zulassen, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen sich selbst ein Bild beziehungsweise eigene Erfahrungen machen und im vermeintlich Fremden auch Vertrautes entdecken können.“ (Prof. Dr. Ackermann)

Die von MacDougall ausgewählten Filmausschnitte, beeindruckten mich und das restliche Publikum sehr. Wir lachten und staunten gemeinsam. Wir fühlten mit. Diese Filme hatten es also geschafft – sie ließen uns Vertrautes im vermeintlich Fremden entdecken und mitempfinden. Ob in Afrika, 1906 in den USA oder 1960 in Paris – alle Protagonisten sowie andere in den Filmen auftauchenden Personen waren letztendlich nur Menschen. Menschen wie Du und ich. Egal wie anders ihr Leben aussah, wie ungewöhnlich sie wohnten, wie armselig ihr Dasein wirkte oder wie abenteuerlich – was man sah, war pure Menschlichkeit in diversen Situationen und Facetten.

Hättet Ihr gedacht, dass bereits 1960 die französische Jugend davon träumte, ein Startup zu gründen, Arbeit nur aus Leidenschaft nachzugehen, schnell reich zu werden und sich für die Work-Life-Balance einzusetzen? Genau das zeigt nämlich einer der Dokumentarfilme, der beim jungen Publikum besonders gut ankam. „Der Film ist so toll! Gestern wurde er in voller Länge gezeigt und ich würde ihn mir gerne nochmal anschauen“, erzählte mir eine Studentin aus Bremen. Sie und ihre Freundinnen waren mit einer ganzen Seminargruppe für das komplette Festival extra nach Koblenz gekommen. Nichts wollten sie verpassen. Natürlich fragte ich sofort, wie sie unsere Stadt finden und erntete ein breites Lächeln. „Koblenz ist sehr schön. Wir sitzen gerne an der Mosel und beobachten die Touristen. Es ist großartig. Aber jugendlich ist diese Stadt nicht gerade.“

An dem Freitag war es jedoch spürbar jugendlich. Denn auf dem Florinsmarkt saßen und standen hier und da Studierende in Grüppchen mit anderen Teilnehmenden zusammen. Auf einer Mauer, an der Treppe – sie unterhielten sich auf deutsch und englisch. Menschen, die etwas erfahren wollten, die wissbegierig und offen waren, trafen sich an einem Ort – unabhängig davon, woher sie kamen. Sie vertrugen sich, sprachen über Fachliches, das Leben als solches und ließen sich somit auf den Augenblick ein. Das Jetzt. Wann tun wir das noch? Ich behaupte: immer seltener. Die drei Stunden, die ich im Publikum verbrachte oder zwischendurch im Gespräch mit anderen Anwesenden und in der Pause mein Handy am Getränkestand aufladend, verflogen ganz schnell.

„Die Entwicklung eigener Standpunkte braucht Begegnung und Anschauung genauso wie Empathie und Diskussion. Genau dies kann das Medium Dokumentarfilm leisten, wenn es seinem Anspruch, authentische Porträts fremdkultureller Wirklichkeiten zu liefern, gerecht wird“, schreibt Prof. Dr. Ackermann von der Koblenzer Universität. Danke für diese schöne Erklärung dessen, was ich dort gesehen habe. Allein deshalb hätte sich der Besuch gelohnt. Toll ist, dass man sich die Filme nicht ganz allein zu Hause anschaut, sondern mit anderen Menschen zusammen. Kino eben. Bloß ziemlich speziell, da nicht im gewöhnlichen Kino, sondern im Gewölbekeller des Alten Kaufhauses in der Koblenzer Altstadt. Wann erlebt man denn so etwas?

Zu unserer Freude feierte das GIEFF nicht nur sein 25-jähriges Jubiläum hier, sondern wird, laut Veranstalter, ab jetzt immer in Koblenz stattfinden. Und zwar ausschließlich hier, nicht wie 2016 aufgeteilt auf Göttingen und Koblenz. Alle zwei Jahre wird uns das Festival beglücken. Es steht unter der Schirmherrschaft der Kulturdezernentin PD Dr. Margit Theis-Scholz und wird von der Universität Koblenz-Landau sowie dem ISSO Institut organisiert. Wir von Koblenz Digital müssen uns leider desöfteren aufteilen, um an den zahlreichen Events teilnehmen zu können. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass beim nächsten Mal mehrere von uns zum GIEFF kommen werden. Wir freuen uns schon auf 2020!

 

Links

David MacDougall im Video (YouTube)

GIEFF

Unsere Tweets zur Veranstaltung – live und spontan

Unternehmen sollten an ihrer Leistung gemessen werden, nicht am Alter der Gründer

Interview mit dem jüngsten Startup-Gründer von Koblenz: Daniel Zacharias (Sdui.de).

Daniel Zacharias lernte ich beim Workshop im Druckhaus der Rhein-Zeitung kennen. Über die Veranstaltung zum Thema Digitalisierung und Zukunft habe ich hier bereits gebloggt. Zacharias zog als Stimme junger Unternehmensgründer in der Podiumsdiskussion die Blicke auf sich. Sein Startup hat eine App für Schulen entwickelt. Im Bereich Bildung sei es jedoch sehr schwierig an Investoren zu kommen, da die Politik Innovationen an Schulen nicht fördere, erklärte er. Die Ausführungen des engagierten 20-jährigen klangen interessant. Wir kamen ins Gespräch und verabredeten uns wenige Wochen später zum Interview. Treffpunkt waren die Büros der Sdui GmbH im Technologiezentrum Koblenz (TZK).

 

Daniel, wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Daniel Zacharias, ich bin Gründer und Geschäftsführer von Sdui und möchte den Bildungsbereich revolutionieren.

Wir (gemeint ist das Sdui-Team) haben uns bereits als Schüler gefragt: Wo hakt es denn? Überall liest und hört man von Digitalisierung hier, Digitalisierung da. Aber der Endnutzer Schule steht vor dem Thema und weiß nicht, was er tun kann. Unser Anliegen ist daher, die ohnehin stattfindende Digitalisierung der Gesellschaft mit dem veralteten System Bildung zusammenzubringen.

Im Workshop der Rhein-Zeitung und IT.Stadt hast du auf der Bühne erzählt, dass du dich als Schüler oft über den Vertretungsplan geärgert hast. Warum?

Wir hatten teilweise einen langen Weg zur Schule und ärgerten uns, wenn wir uns früh aus dem Bett geschleppt und auf den Weg gemacht hatten, aber dann in der Schule feststellen mussten, dass die ersten beiden Stunden ausfielen. Entweder man akzeptiert das, dann darf man nicht meckern oder man meckert und lässt sich etwas einfallen. Das ist unsere Entstehungsgeschichte.

Wie kann man sich das vorstellen? Als Schüler wart ihr unzufrieden, du und ..?

Zwei Freunde. Jan Micha Kroll, der eine Klassenstufe unter mir war und René Meyenburg – zwar von einer anderen Schule, aber mit dem gleichen Problem.

Wie alt wart ihr, als es losging?

Ich war 19 und hatte gerade mein Abitur beendet. René machte zu dieser Zeit seine Ausbildung und Jan Micha ging noch zur Schule, um sein Abi zu beenden.

Und da dachtet ihr, es wäre nicht schlecht mal was Neues zu starten?

Tatsächlich entstand der Drang dazu durch „Jugend forscht“. 2016 haben wir daran teilgenommen und dort unsere App für digitale Vertretungspläne vorgestellt. Jeder Schulleiter, Lehrer und Schüler, der an unseren Stand kam, sagte: „Hey, das ist genau das Problem, das wir an unserer Schule haben!“ In unserer App ging es damals darum, die Informationen der Schule zu bündeln, zu personalisieren und digital an die Schülerschaft zu senden, damit jeder vorzeitig wusste, dass beispielsweise die erste Stunde ausfällt. Die erste Version des Produktes war fertig. Das war Sdui.

Das heißt, ihr habt das alles selbst programmiert als Schüler?

Ja genau. Bei mir waren es jedoch nur die Grundlagen der Programmierung. Ich habe danach eher Geschäftsführungsaufgaben übernommen. René kümmerte sich wegen der Ausbildung eher um die Server und Jan ist unser absoluter Programmierspezialist.

Was habt ihr euch selbst beigebracht? Welche Programmiersprachen?

Ich war damals nur für den Native-Teil und das Design da. Das heißt, ich habe die ganzen Designs gemacht, Swift-Programmierung. Unser Experte sitzt hinten (im Büro nebenan), der kann, glaube ich, alles. PHP, Java Script, SQL usw. Ich konnte nur CSS und HTML, aber er hat Frontend und Backend komplett gebaut. Unser dritter Kollege ist ein Server-Experte. Wir haben ja ein Cloudbased Communicationtool. Und wir sind alle gute Grafiker. Also, alles selbst programmiert, zu Jugend forscht gegangen, festgestellt, es kommt gut an.

Ihr habt Glück gehabt, dass ihr euch so perfekt zusammengefunden habt.

Stimmt. Wir kennen uns inzwischen seit etwa 10 Jahren. Aber ja, wir dachten uns, wir müssten mal etwas aus dieser Kombination machen.

Und wenn du so ein Projekt machst, kannst du nur deine eigene Schule verändern. Durch Jugend forscht haben wir gemerkt, es interessiert mehr als nur eine Schule. Deshalb haben wir überlegt, dass es nicht schlecht wäre eine Firma daraus zu machen und mehr Schulen zu erreichen.

Wer ein wenig recherchiert, findet Namen wie „Pando Ventures“ in deinem Profil. Was bedeutet das?

Gut recherchiert. Vermutlich LinkedIn, stimmt´s? Pando Ventures ist der Accelerator*, den wir durchlaufen haben. Wir haben am 17. August 2017 gegründet. Als UG bekamen wir Panik, dass wir die Gründungskosten nicht stemmen würden. Das hat zwar mit unserem eigenen Geld doch noch geklappt, aber dennoch wussten wir nicht, wie wir unser Produkt vermarkten sollten. Deshalb haben wir Unterstützung gesucht. Ausgerechnet erst am Tag vor Anmeldeschluss haben wir uns bei Pando Ventures Accelerator beworben. Das war der 30. August 2017. Am nächsten Tag haben wir um 2:56 Uhr die Zusage bekommen. Es war schon komisch für mich zu sehen, okay, die arbeiten auch nachts.

Und wie ging es weiter?

Am nächsten Morgen mussten wir dorthin fahren. Ich glaube, um 10 Uhr war das. Auf der Fahrt erhielt ich die Nachricht „Bringt mal euren Pitch mit“. Das Schlimmste war, ich wusste nicht einmal, was das ist! Also schnell gegoogelt und auf dem Weg nach Wiesbaden eine Präsentation erstellt. Wir kamen dort an, haben alles vorgetragen und wurden aus über 100 Startups ausgewählt für den zweiten Bench. Das bedeutet, wir durften uns mit Pando Ventures Fragen nähern, die mit dem Markt zu tun haben. Was ist der Markt? Was müssten wir tun? Wir bekamen zahlreiche Tipps und Coachings. Bis Dezember 2017 bauten wir unser Produkt gemeinsam weiter auf. Sie sind bis heute ein sehr wichtiger, strategischer Partner für uns.

Also sind Accelerator besonders wichtig für Startups?

Ja. Für uns war das wichtig. Denn wir wussten nicht, wie wir das Ding auf den Markt bringen sollten. Ich glaube, ein Accelerator hilft wenig bei der Produktentwicklung. Es geht vielmehr darum, ein Produkt weiter zu definieren und zu schauen, wo der Markt ist. Auch mediale Unterstützung durch das Netzwerk der Accelerator bringt viel. Zum einen ist ein Netzwerk da, zum anderen Expertise in der Investition und drittens ein Gespür für den Markt. Für uns war es essentiell, dass sie uns aufgenommen und gepusht haben.

Was bedeutete das für euch persönlich?

Wir sind damals aus dem Westerwald nach Wiesbaden gezogen und haben eine zeitlang in Airbnb-Unterkünften gelebt. Das war komisch. Teilweise wohnten wir alle in einem Zimmer. Als die Sommerferien vorbei waren, mussten die anderen immer wieder zurück zur Schule. Ich hatte zum Glück das Abi schon. Weiterhin haben wir etwa einen Monat lang 12 bis 14 Stunden am Tag aktiv an unserem Produkt gearbeitet. Seitdem fahren wir ein bis zweimal die Woche noch nach Wiesbaden und erhalten dort Coachings. Das ist strategisch sehr sinnvoll.

Toll, diese Unterstützung zu bekommen.

Ja! Und das ist das, was auch Koblenz braucht. Eine Firma, die sagt: Wir unterstützen Startups. Es geht nicht um Geld, sondern um wichtige Netzwerk-Kontakte und Experten, die einen mit ihrem Wissen unterstützen. Denn wer selbst schon das alles erlebt hat, kennt die Tücken und Fehler. Wir müssen aber nicht die Fehler anderer wiederholen. Deshalb ist es gut, wenn jemand die Erfahrung mit einem teilt.

Man bekommt Panik, wenn man keinen Studien- oder Ausbildungsabschluss hat. Da muss man etwas haben, das funktioniert.

Euer Team ist nicht gerade klein für ein junges Unternehmen. Was genau macht ihr hier?

Jetzt gerade sitzen im Büro nebenan zwei Programmierer, unser Chef für Userinterface und Userexperience sowie der Netzwerk-Experte. Dann haben wir natürlich einen Marketing-Chef, der sich auch um Social Media kümmert.

Als Startup musst du dir alles, auch die Unternehmenskultur, aufbauen. Wo sind unsere Werte? Wie lauten unsere Leitlinien? Stichwort Styleguide. Wir haben einen Business-Developer und einen im Support. Es kommen jeden Tag Anfragen, zum Beispiel, wenn jemand sein Passwort vergessen hat. Darum muss sich der Support kümmern. Zuletzt haben wir einen Vertriebler, der heute – wie meist – unterwegs ist. Und auch ich mache im Vertrieb mit. Wir versuchen mehr Schulen zu gewinnen.

Die Programmierer sind mit dem Launch unseres neuen Updates beschäftigt, das wir im Mai rausbringen. Der Markt ist im Moment super schnell. Das heißt, du musst in kürzester Zeit die neusten Features auf den Markt bringen und deine Features automatisieren bis ins letzte Detail. Denn auch Schulleiter wollen weniger zusätzliche Arbeit. Für uns ist es entscheidend, Prozesse in Schulen zu vereinfachen und schneller zu machen. Nicht mehr Aufwand, sondern Mehrwert.

An welcher Funktion arbeitet ihr gerade?

Als ein neues Feature kommt beispielsweise der Elternmodus. Damit werden Krankmeldungen und Elternbriefbestätigungen mit einem Klick durch die Eltern möglich sein. Kennst du diese kleinen Zettel, die Eltern immer rausschneiden und unterschreiben müssen, als Beleg dafür, dass sie den Elternbrief gelesen haben? Endlich werden sie nicht mehr schnippeln müssen. Wir wollen eine Lösung von der Grundschule bis zur Uni sein.

Handelt es sich bei euren bisherigen Kunden um Koblenzer Schulen?

Nein, die fehlen noch. Es sind bisher Schulen aus der Region um Koblenz herum. Wir sind aber mit vielen Koblenzer Schulen im Gespräch.

Bei euch hat sich das alles dank Jugend forscht entwickelt. Sollte der Schulunterricht, deiner Meinung nach, anders aussehen?

Ja!

Ich stelle die Frage, weil ihr aus der Schule heraus mit einer innovativen Idee gestartet habt.

Und ich glaube, der Punkt, warum das gelungen ist, ist die Unterstützung von extern. Unsere Familien haben uns sehr gefördert, haben viel getragen. Accelerator wie Pando oder auch Unternehmensberater ebenfalls. Von der ersten Sekunde an hatten wir einen sehr guten Unternehmensberater, den wir über unsere Familie gut kannten. Er hat uns gepusht.

Unter den genannten Förderern kam die Schule nicht vor.

Stimmt, denn in der Schule entsteht nur viel Förderung, wenn man sehr gute Lehrer hat. Das ist eine Voraussetzung. Wir hatten einen Lehrer, der sich wirklich stark für uns engagiert hat. Er kam und fragte: Was kann man noch tun? Wie können wir euch unterstützen? Auch der stellvertretende Schulleiter machte sich beispielsweise Gedanken ums Sponsoring. Mehrere Lehrer zeigten Einsatz.

Das heißt, über den regulären Unterricht hinaus?

Ja, genau. Das waren Extraleistungen. Und da liegt das Problem. Das ist, was oft fehlt.

Was waren das denn für Lehrer – ohnehin begeisterte Informatiker?

Einer ja, andere nicht. Es war ganz unterschiedlich. Viele der Lehrer unterstützen uns übrigens bis heute.

Ich bin sehr froh darüber, dass Leute ihre Extrameile gehen und uns über den gewöhnlichen Unterricht hinaus fördern. Was sehr wenig geschieht, ist Förderung im Unterricht. Vermutlich gibt es deshalb so wenige Startups, die direkt nach der Schule gegründet werden.

Wie könnte denn bessere schulische Bildung aussehen?

Wie sie aussehen könnte? Schauen wir uns zunächst die Gesellschaft an. Seit einiger Zeit heißt es, alle müssten programmieren lernen. Gleichzeitig entwickeln wir eine künstliche Intelligenz, die selbst programmieren kann. Für viele ist das Ziel, alles zu automatisieren. Wenn wir weiterhin nur dabei bleiben, programmieren zu lernen oder zu lernen, wie man Maschinen bedient und Dinge einfach ausführt, dann entwickeln wir eine Generation, die nur aus dem Zweck heraus Arbeiter sind. Sie kriegen einen Zweck und müssen ihn abarbeiten. Ich glaube, uns fehlt Kreativität. Wir müssen uns mehr entfalten. Ganz ehrlich? In meinen Augen müssten die wichtigsten Schulfächer so wie Kunst und Musik sein. Die Fächer, in denen wir lernen uns kreative Gedanken zu machen. Wir müssten uns fragen: Was braucht die Welt? Aktuell lernen wir an Schulen und Universitäten immer noch vieles, das wir nie brauchen werden. Vergessen wir jetzt mal einzelne Fächer. Wichtig wäre projektbezogenes Arbeiten. Bitte die Wirtschaft mehr in Schulen reinnehmen.

Wir hatten kürzlich eine Einladung ins Schloss Hanseberg, ein Internat bei Frankfurt. Dort durften wir einen Tag lang von Startups berichten. Es gibt auch Projekte wie „Business at School“. Der Punkt ist, Schüler selbst etwas kreieren zu lassen. Dabei wächst man nämlich am meisten: wenn man selber etwas erschafft!

Das scheint dir am Herzen zu liegen.

Eindeutig ja. Lasst uns mehr erfolgreiche Unternehmen mit in den Unterricht bringen und Projekte gemeinsam machen. Das fehlt. Da ist so eine große Lücke zwischen Bildung und Wirtschaft!

Teenager lernen teilweise, wie man Dinge berechnet, die online kostenlos erledigt werden können.

Dennoch ist ein Grundwissen sinnvoll.

Natürlich. Ohne von unseren Mathelehrern gelernt zu haben, könnten wir jetzt nicht unsere Finanzpläne machen. Gar keine Frage. Aber der Praxisbezug ist essentiell. Wir sollten doch ausgebildet werden für das Leben und nicht nur für den Abschluss.

Wir Menschen haben die Verantwortung, Dinge zu verändern. Wenn wir denken, etwas ist nicht gut, dann haben wir die Verantwortung und die Pflicht, eine Veränderung zu bringen. Aber alle meckern, dass der Unterricht immer einfacher wird und die Schüler nichts mehr lernen. Wenn man mich als Schüler gefragt hat, was ich mal werden möchte, wusste ich es nicht. Nie.

Wie warst du denn als Schüler?

(lacht) Ich war begeisterter von den Dingen außerhalb der Schule, als innerhalb. Das dürfte die beste Beschreibung sein. Mit 16 habe ich angefangen nebenbei in einer Schreinerei zu arbeiten. Im Marketing.

Marketing? Als Schüler?

Das kam so, weil ich keinen Bock mehr hatte, das gleiche zu machen, was jeder andere Schüler auch macht, um nebenbei Geld zu verdienen: Pizzabretter schleifen. Also bin ich zu meinem Chef gelaufen und habe gesagt: „Wenn ich dir mehr Umsatz über Online-Marketing bringe, als du jetzt über den lokalen Schreinereibetrieb, darf ich dann im Büro sitzen?“ Dann habe ich mit meinem 450 Euro-Job sieben Channels auf Amazon bedient, alles gut verteilt. Spanien, Italien, etc. und wir haben Pizzabretter in ganz Europa verkauft. Bestimmt habe ich dadurch auch Geld verbrannt, also nicht nur Gewinne gebracht, aber es war eine coole Erfahrung.

Worauf seid ihr als Sdui besonders stolz?

In jedem Gespräch, auch mit potenziellen Investoren, werden wir gefragt, ob wir die App selbst entwickelt haben. Tatsächlich haben wir alles von A bis Z selbst entwickelt, nichts ist von extern eingekauft. Bis zum kleinsten Button oder auch die Algorithmen, die für die Schüler alles filtern – es ist aus unserer Hand. Darauf sind wir stolz. Das Gesamtpaket macht´s. Aber ich persönlich bin besonders stolz auf unsere User-Experience in der App. Ich glaube, wir haben die benutzerfreundlichste App, die es in dem Bereich gibt.

Was war denn die größte Herausforderung für euch?

Ernstgenommen zu werden. Das ist die größte Herausforderung. Es ist eine tolle Story für die PR und auf Veranstaltungen, wenn du sagst, du kamst mit 19 aus der Schule, hast direkt ein Start-up gegründet und veränderst jetzt Bildung, aber wenn es um fünfstellige Beträge geht, haben die Leute schon mal Bedenken: Oh, die sind aber erst 19!

Wir haben uns bisher bewiesen. Ich wünschte aber, man würde bei Unternehmen mehr darauf schauen, was sie leisten als auf das Alter der Gründer. Durchaus nach dem Motto: Hey, wir geben ihnen eine Chance, zu zeigen, was sie können. Natürlich haben wir jungen Leute keine Million auf dem Konto, aber wir sind sehr gut dafür aufgestellt, was wir tun. Wir haben die Expertise auf unserem Gebiet, weil wir uns seit Jahren mit dem Thema beschäftigen.

Die interne Herausforderung ist Geduld. Wenn man von etwas begeistert ist, möchte man es schnell vorantreiben. Doch vor allem im Bildungssektor ist es kein Sprint, sondern ein Marathon.

Man benötigt also Ausdauer.

Ja. Ich erinnere mich noch an die allererste Schule, in die wir gegangen sind, um der Schulleitung unsere App vorzustellen. Wir sprachen gerade mit der Sekretärin, als aus dem Nebenraum der Schulrektor rief: „Schicken Sie die weg! Das brauchen wir nicht!“

Wie sieht es denn innerhalb eures Teams aus. Als Freunde ein gemeinsames Unternehmen zu haben, ist vermutlich auch eine Herausforderung, oder?

Das haben wir bisher sehr gut hinbekommen. Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch die Mittagspausen. Es wird über alles gesprochen. Wir bezeichnen uns als Sdui-Familie. So behandeln wir uns aber auch. Wir leben hier das Familienleben, unterstützen einander in Bereichen, die einer vielleicht besser kann als der andere. Jeder ist mit jedem auf guter Ebene befreundet.

Das hört man von vielen Startups, aber ich glaube nicht, dass es tatsächlich bei allen zutrifft.

Es ist ein cooler Marketingspruch. Ich habe mir von Anfang an gesagt, ich möchte nicht, dass es bei uns nur ein Marketingspruch ist. Ich glaube, jeder aus dem Team hat irgendwann schon mal bei mir auf dem Sofa übernachtet.

Ist das die Voraussetzung, um bei euch eingestellt zu werden?

(lacht) Nein, damit möchte ich nur ein Beispiel dafür nennen, dass wir in einem Verhältnis zueinander stehen, in dem wir sagen können: „Jederzeit ist mein Haus offen für dich und auch in meiner Freizeit habe ich Zeit für dich“.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?

Es ist nichts normal. Angefangen hatten wir ja bei mir zu Hause in der Küche. Manchmal arbeiteten wir bei Starbucks, eigentlich fast überall. Dann hatten wir in Wiesbaden beim Accelerator unser Office. Seit Januar 2018 sind wir im TZK.

Mein normaler Tag ist immer anders. Ich bin kein Frühaufsteher, deshalb bin ich erst so ab neun im Office. Von 9 bis 11 heißt es Mails und Telefonate. Ab dann Termine – übers Mittagessen mit Kooperationspartnern, Gespräche mit der Presse, Bürgermeistern oder anderen wichtigen Personen. Wenn mittags keine derartigen Termine anstehen, verbringen wir unsere Mittagspause als Team gemeinsam. Mir ist wichtig, mit jedem einmal pro Woche ein One-on-one-Gespräch zu führen, um zu wissen, wie es meinen Leuten geht. Jeden Montagmorgen machen wir ein Kick-off-Meeting für alle zusammen. Wir unterscheiden zudem zwischen Product- und People-Team. People bezieht sich auf alles, was mit Kunden und Menschen zu tun hat. Das People-Team macht jeden Morgen von 9 bis 9:30 Uhr ein Meeting, das Product-Team von 8:30 bis 9 Uhr. Und freitags haben wir ein Fuck-Up-Friday-Meeting, in dem wir ganz offen und ehrlich aussprechen, was nicht so gut gelaufen ist.

Habt ihr die Ideen zu diesen Meetings durch das Coaching beim Accelerator erhalten?

Das Montagsmeeting ja, aber das Freitagsmeeting war mein Bestreben. Gemeinsam in die Woche zu starten und gemeinsam die Woche zu beenden, ist wichtig. Es ist aber auch wichtig, die Tage nicht mit Meetings voll zu klatschen. Die täglichen Besprechungen morgens dauern 15 bis 30 Minuten, länger wäre schlecht. Wir wollen nicht nur reden, sondern machen.

Auf eurer Website steht, dass ihr Leute sucht. Was müssen diejenigen mitbringen?

Wir haben fünf Firmenwerte, die sich an einer Hand erläutern lassen. Der Daumen ist Anerkennung. Das heißt, diese Person muss von uns anerkannt sein, sie muss aber auch Anerkennung bringen. Jemanden mit einem großen Ego brauchen wir hier nicht.

Der Zeigefinger ist Professionalität und Ernsthaftigkeit. Das ist wichtig. Denn hey, wir sind jung und machen auch mal Späße, aber wir sind ernst in dem, was wir tun. Die Person muss also dranbleiben und professionell an den Dingen arbeiten können.

Der Mittelfinger steht für „Fuck the System“. Das heißt, wir brauchen Andersdenker, die Dinge nicht einfach nur tun, wie es schon immer war. Sonst gäbe es keine Veränderungen. Querdenken wird heute gebraucht.

Der Ringfinger steht für Loyalität. Unsere Designer und Programmierer erhalten besser bezahlte Jobangebote, bleiben aber trotzdem hier. Denn in der Familie ist man loyal. Jeder kann jederzeit zu mir kommen und mir ins Gesicht sagen, dass ihm etwas nicht passt.

Der Kleine Finger heißt „Details matter“ und steht dafür, dass man den Fokus auf Details legen sollte, denn sie machen den Unterschied.

Wer bei uns arbeiten möchte, müsste diese Einstellungen teilen.

Was beschäftigt euch aktuell besonders intensiv?

Aktuell haben wir neben Sdui, also Sdui Education, auch Sdui Media – eine Agentur, die Websiten erstellt und auch viele andere Medienaufträge bearbeitet. Da arbeiten wir für große Kunden. All das benötigen wir, um die App zu finanzieren.

Wie ist eure Beziehung zum Standort Koblenz?

Wir würden sehr gerne hier bleiben. Hier neben dem TZK ist die Uni, in der hauptsächlich Informatik und Lehramtsstudiengänge unterrichtet werden. Informatik und Bildung sind quasi um die Ecke. Außerdem ist das hier eine super Location zum Wohlfühlen. Nicht zuletzt wegen des „Stattstrandes“ vorne. Auch die schöne Altstadt. Koblenz punktet mit vielen weichen Faktoren. Und es ist sehr schön, aus der Heimat heraus Veränderungen zu bewirken.

Auf Barcamps sagen mir viele von außerhalb, sie würden gerne in Koblenz leben, aber die coolen Jobs würden hier fehlen.

Bestimmt, weil es hier wenige große Firmen mit genug interessanten, freien Stellen gibt. Aber schau dir die Gebäude gegenüber vom TZK an. Ich bin mir sicher, wenn diese Räume jungen Gründern zur Verfügung stünden, wären sie voll. An engagierten Leuten mit guten Ideen mangelt es hier nicht. Das TZK ist ein Brutkasten und es ist gut, wenn Startups nach einiger Zeit beispielsweise in die Innenstadt umziehen, aber es ist grundsätzlich schwierig in Koblenz entsprechende Räume zu finden. Ab einer gewissen Unternehmensgröße.

Was würdet ihr euch für Koblenz wünschen?

Wenn wir eine Startup-Region werden wollen …. Wir sind auf dem Weg dahin. Aber wenn wir uns öffentlich so nennen wollen, brauchen wir nicht nur Startups, die dazu bereit sind, zu wachsen. Sondern auch eine Stadt, die alles dafür gibt, damit sie wachsen können. Ich erhoffe mir Unterstützung aus der Politik und Wirtschaft vor Ort. Es bringt nichts, wenn zwei große Unternehmen eine Kooperation machen, ein kleines Ding gründen und das dann Startup nennen. Das ist gar keins. Startups sind beispielsweise die Leute, die hier von der Uni kommen und gründen.

Warum würde Koblenz als Standort von Startups profitieren?

Dann entspringen in der Wirtschaft innovative Unternehmen. Leute wollen dann gerne hierhin ziehen, weil es Firmen gibt, für die sie arbeiten möchten. Jedes Startup verändert irgendwie die Stadt. Allein schon, wenn sie beispielsweise für hiesige Traditionsunternehmen einen hervorragenden Social-Media-Auftritt machen. Davon profitieren also auch alteingesessene Unternehmen. Es lohnt sich als Stadt Startups zu fördern, denn Startups geben immer etwas zurück. Give before you get – dieses alte Prinzip gilt auch heute. Wir benötigen hier mehr Synergien – auch die politische Unterstützung mit einbeziehend. Ebenso sollten Universität und Hochschule intensiv daran mitwirken. Erste Schritte, wie das Gründerbüro, sind zwar gemacht, aber es muss mehr geschehen. Aktive Unterstützung fehlt. Was wir in Koblenz ganz klar zu wenig haben ist „Entrepreneur in Residence“. Darunter versteht man einen jungen Studenten oder Absolventen, der sich bei einem Startup hinsetzt und dort das Gründen lernt, indem er die Prozesse mitverfolgt. In gewisser Weise ist er vom Job ähnlich wie ein Business-Developer.

Übrigens sollte es auch zwischen Startups mehr Kollaborationen geben. Da muss man sich selbst an die Nase packen.

Als wir neu ins TZK kamen, statteten uns einige aus den anderen Startups einen Besuch ab und stellten sich vor. Das fand ich so toll, dass ich jetzt auch immer hingehe, wenn neue Startups hier einziehen. Eine Kultur des Miteinanders sollte es hier im Gebäude geben. Ich freue mich über alle, mit denen wir das inzwischen haben.

Mit welchem Statement würdest du das Gespräch gerne abschließen?

Politiker haben bestimmt kein einfaches Leben. Nicht zuletzt wegen der Digitalisierung, stehen sie vor komplett neuen Herausforderungen, haben aber nur theoretische Lösungsansätze im Gepäck. Wir von Sdui hingegen bieten eine fertige, greifbare Lösung. Deswegen würden wir uns freuen, mit der Politik eine Kooperation eingehen zu können.

 

*Accelerator = „eine Institution, die Startups in einem bestimmten Zeitraum durch Coaching zu einer schnellen Entwicklung verhilft.“ (Quelle: Gründerszene)